Heinrich Heine hat Liebeskummer

Nicht lange täuschte mich das Glück,
Das du mir zugelogen,
Dein Bild ist wie ein falscher Traum
Mir durch das Herz gezogen.

Der Morgen kam, die Sonne schien,
Der Nebel ist zerronnen;
Geendigt hatten wir schon längst,
Eh wir noch kaum begonnen.

Heinrich Heine (1797 - 1856) wäre eigentlich der ideale Begleiter für alle liebeskummrigen Menschen. Für jede der Trennungsphasen, wie sie in einschlägigen Magazinen ausführlichst beschrieben werden - Schockstarre - Wut - Trauer - Rachegelüste - Trotz - Neuanfang - ein passendes Gedicht. Freudscher: Wollte gerade schreiben “Gericht”. Meist steht Liebeskummrigen, vor allem in Phase 1 bis 4,  jedoch eher der Sinn nach sehr, sehr schwermütigen Verse. Kommt man da mit Heine, lädt man den Zorn noch auf sich selbst. Und deshalb ist zu hoffen, für jedermann: Dass die Liebe bleibt. Selbst wenn sie in den Schnee geschrieben steht (gesehen auf dem Augsburger Stadtmarkt). Und nicht mit dem ersten Sonnenstrahl perdu geht. Ist für alle besser. Auch für die Fische:

Wie schändlich du gehandelt,
Ich hab es den Menschen verhehlet,
Und bin hinausgefahren aufs Meer,
Und hab es den Fischen erzählet.

Ich laß dir den guten Namen
Nur auf dem festen Lande;
Aber im ganzen Ozean
Weiß man von deiner Schande.

Die Liebe und die Literatur - gestaltet zum Verlieben…

So schön kann die Liebe und Literatur sein - die Literaturliebe und literarische Liebeleien in Szene gesetzt von Claudia Baumann. Mehr zu den Arbeiten der Kommunikationsdesignerin hier: http://www.claudiabaumann.de/

Heinrich Heine - Kalte Herzen

Als ich dich zum ersten Male
In der Welt von Pappe sah,
Spieltest du in Gold und Seide
Shylocks Tochter: Jessica.

Klar und kalt war deine Stimme,
Kalt und klar war deine Stirne,
Und du glichst, o Donna Clara,
Einer schönen Gletscherfirne.

Und der Jud verlor die Tochter,
Und der Christ nahm dich zum Weibe;
Armer Shylock, ärmrer Lorenz!
Und mir fror das Herz im Leibe.

Als ich dich zum andren Male
In vertrauter Nähe sah,
War ich dir der Don Lorenzo
Und du warst mir Jessica.

Und du schienst berauscht von Liebe,
Und ich war berauscht von Weine,
Küßte trunken deine Augen,
Diese kalten Edelsteine.

Plötzlich ward mir ehstandslüstern:
Hatte ich den Kopf verloren?
Oder war in deiner Nähe
Der Verstand mir nur erfroren?

Nach Sibirien, nach Sibirien!
Führte mich die Hochzeitsreise,
Einer Steppe glich das Ehbett,
Kalt und starr und grau von Eise.

In der Steppe lag ich einsam
Und mir froren alle Glieder,
Leise wimmern hört ich meine
Halberstarrten Liebeslieder.

Und ich darf ein schneeig Kissen
An das heiße Herz mir drücken.
Amor klappern alle Zähne,
Jessica kehrt mir den Rücken. -
*
Ach, und diese armen Kinder,
Meine Lieder, meine Witze,
Werden sämtlich nun geboren
Mit erfrorner Nasenspitze!

Meine Muse hat den Schnupfen
- Musen sind sensible Tiere -
Und sie sagt mir: Lieber Heinrich,
Laß mich ziehn, eh ich erfriere.

O, ihr kalten Liebestempel,
Matt erwärmt von Pfennigskerzen,
Warum zeigt mein Liebeskompaß
Nach dem Nordpol solcher Herzen?

Heinrich Heine, die Liebe und das Theater. Oder auch: Das Theater um die Liebe. Und auch noch Shakespeare. Drama vorprogrammiert.

Das Gedicht wurde der Anthologie “William Shakespeare - Wie er uns gefällt” entnommen:
http://saetzeundschaetze.com/2014/04/27/wie-er-uns-gefallt-gedichte-an-und-auf-william-shakespeare-herausgeber-tobias-doring/
Doch Heine beliess es nicht nur bei einem Gedicht - sondern schrieb ein eigenes Werk über Shakespeares Mädchen und Frauen:
http://saetzeundschaetze.com/2014/06/21/heinrich-heine-shakespeares-madchen-und-frauen/

Heinrich Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen (1838).

„Es wird mir flau zu Mute, wenn ich bedenke, dass er am Ende doch ein Engländer ist, und dem widerwärtigsten Volke angehört, das Gott in seinem Zorne erschaffen hat. Welch ein widerwärtiges Volk, welch ein unerquickliches Land! Wie steifleinen, wie hausbacken, wie selbstsüchtig, wie eng, wie englisch!“

Heinrich Heine, „Shakespeares Mädchen und Frauen“, erstmals erschienen 1838

heineEin Kleinod und Lesevergnügen ist dieses Buch für jeden, der nicht nur Shakespeare, sondern auch den scharfzüngigen HH schätzt. Man ahnt es bereits: Wenn Heinrich Heine, Shakespeare-Verehrer und Bewunderer der holden Weiblichkeit, über die Frauenfiguren des englischen Dramatikers schreibt, dann nicht nur mit viel (Lust-)Gefühl, sondern auch mit der ihm eigenen Spottlust. Schon das Vorwort nutzt der frankophile Heine, der zu dieser Zeit bereits in Paris lebte, um in einem kurzen Streifzug mit den Engländern abzurechnen und die Rezeption und Nachwirkung Shakespeares in anderen Ländern aufzuzeigen:

„Besser als die Engländer haben die Deutschen den Shakespeare begriffen. Und hier muss wieder zuerst jener teure Name genannt werden, den wir überall antreffen, wo es uns eine große Initiative galt. Gotthold Ephraim Lessing war der erste, welcher in Deutschland seine Stimme für Shakespeare erhob. Er trug den schwersten Baustein herbei zu einem Tempel für den größten aller Dichter, und, was noch preisenswerter, er gab sich die Mühe, den Boden, worauf dieser Tempel erbaut werden sollte, von dem alten Schutte an zu reinigen.“

So wird die Galerie der Schönen, der Intrigantinnen, der Leidenden und der Holden aus Shakespeares Dramen von der Präambel an bereits weit aus mehr als ein bloßer Streifzug durch die dramatische Frauenwelt – Heine, der begnadete Feuilletonist, nimmt die Miniaturen sozusagen als journalistische „Aufhänger“, um über Kultur, insbesondere die Theaterwelt und Literatur, Politik, Soziales, Religion und viele weitere Themen zu schreiben. Insbesondere findet sich in diesem Buch, das ein wenig ein Schattendasein unter den Heine`schen Werken führte, eine treffende Analyse des Antisemitismus, selbstverständlich bei den Frauenfiguren aus dem „Kaufmann von Venedig“.

Julia

Die „Shakespeare Gallery“ wurde 1836 zunächst vom britischen Verleger Charles Heath veröffentlicht: 45 Bilder von Frauenfiguren aus Shakespeares Dramen, Stahlstiche fiktiver Cassandras, Ophelias, Cleopatras, Julias bis hin zu einer ziemlich vergrätzt schauenden und leicht übergewichtigen Lady Macbeth. Das britische Original war mit Zitaten aus den Stücken ergänzt – ein Ansatz, der eines Heines kaum würdig gewesen wäre. Dieser, wie immer in Geldnöten, nahm das Werk als Auftragsarbeit an. Für die deutsche Ausgabe, für die der Verleger Henri-Louis Delloye die Lizenz erhalten hatte, schrieb Heine 1838 innerhalb weniger Wochen ausführliche Essays zu den „dramatischen“ Frauenfiguren, die oftmals alles andere zum Inhalt haben – nur nicht die Frau. Nur jene weiblichen Gestalten aus den Komödien wurden dann auch in der deutschen Ausgabe von HH mit Zitaten aus den Shakespeare`schen Werken beglückt.

Lady Macbeth

Selbst diese Schönheitsgalerie stieß bei der preußischen Zensur auf Missfallen, wie Jan-Christoph Hauschild, Autor, Germanist und Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf in seinem Nachwort zur Ausgabe 2014 schreibt.

Den Beamten missfiel, dass Heines „ungezügelte Spottlust (…) die Gegenstände seiner vielfachen Antipathien mit dem ganzen Übermut seines reichen Talentes“ geißle. „Hauptsächlich“ sei es England, das er „mit schneidendem Witz und galliger Bitterkeit“ verfolge und wozu sein „Enthusiasmus für Frankreich und Franzosentum“ den „entschiedensten Gegensatz“ bilde.

Letztendlich ging das Werk jedoch durch und war eines von den insgesamt nur vier Heine-Büchern, die in Preußen verkauft werden durften. Zum Glück. Denn nebst den außerliterarischen Streifzügen und Seitenhieben bot Heine damals schon mit seinen Schriften dem Lesepublikum einen hervorragenden Zugang zu Shakespeares Welt – das Buch verdient allein deswegen einen besseren Rang in der Shakespeare-Literatur, als es bisher innehatte. So sieht Eduard Engel in seinem Vorwort zur 1921 erschienenen Gesamtausgabe Heines nur zwei deutsche Schriftsteller, die in ihrer Shakespeare-Kenntnis von gleichem Rang seien: Heinrich Heine und Goethe.

Portia

Wie immer man im einzelnen über Heines Auffassungen Shakespeare`scher Gestalten - er spricht durchaus nicht bloß immer von den weiblichen – denken mag, der Wert seiner kleinen und größeren Abhandlungen über Shakespeares Meisterdramen kann keinem entgehen, der die Werke gründlich kennt, aber auch keinem, der einigermaßen mit der Shakespeare-Literatur vertraut ist. Und man wäge die wissenschaftliche Grundlage, worauf Heine zu jener Zeit, vor dem Erscheinen der bedeutendsten Arbeiten über Shakespeare fußen konnte.“

Die Bandbreite der Themen, die Heine anhand der Frauenportraits auffächert, kann hier in einer Inhaltsangabe kaum wiedergegeben werden. Ich halte es wie Heine selbst und übernehme den Schlüsseldienst:

„Die vorstehenden Blätter sollten nur dem lieblichen Werke als flüchtige Einleitung, als Vorgruß, dienen, wie es Brauch und üblich ist. Ich bin der Pförtner, der Euch diese Galerie aufschließt, und was Ihr bis jetzt gehört, war nur eitel Schlüsselgerassel.“

Heinrich Heines „Shakespeares Mädchen und Frauen“ wurde nun anlässlich des Jubiläumsjahres von Hoffmann und Campe wieder aufgelegt – das Buch ist auch handwerklich gut gemacht, mit den Abbildungen von 1838 versehen, im Schuber und mit Lesebändchen.

Anne Bohnenkamp: Es geht um Poesie (2013).

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Bild: Rose Böttcher

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (1800)

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis (Freiherr von Hardenberg, 1772-1801).

Quelle: „Es geht um Poesie. Schönste Texte der deutschen Romantik“, herausgegeben von Anne Bohnenkamp, Fischer Taschenbuch, November 2013, ISBN 978-3-596-19857-3.

Besonderheit:
Mit dem Kauf des Buches (Preis 8,00 Euro) spendet man 2 Euro für den Bau des Deutschen Romantik-Museums in Frankfurt - tolle Sache!

Hab nun ach, Sturm und Drang, Klassik, Dadaismus und Expressionismus studiert, ich armer Tor und bin so unromantisiert
wie als zuvor. Was heißen soll: Um die Epoche der Romantik habe ich bislang einen Bogen gemacht. Instinktiv. Von den großen Namen - von Armin, Brentano, Günderrode, Eichendorff - nur wenig gelesen, bis auf das, was fast schon Allgemeingut ist. „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus….“. Heinrich Heine, der große Ironiker und scharfzüngige Analyst seiner Zeit, blieb eine Ausnahme. Novalis` „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ unter der Kategorie Jugendschwärmerei verbannt.

Manche literarischen Strömungen setzen wohl ein gewisses Lebensalter und eine Lesereife bei ihren Rezipienten voraus. Bis zu einem Zeitpunkt im Leben meint man, alles gestalten zu müssen und auch zu können. Da ist das In-Sich-Gehen, das Hinterfragen, auch das Zögern keine Qualität, die man auslebt. Und dann kommt auch noch Goethe mit seinem Verdikt: „Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.“ Bloß keine Nabelschau.

Erst später, um einige Erfahrungen reicher, wird einem bewusst, dass aufgeklärtes Denken an seine Grenzen stößt. Nüchtern betrachtet: Nicht alles ist mach- und lenkbar. Im Kern der Welt wohnt ein Rest Magie. Ganz im Innern der Welt gibt es ein Geheimnis, das man mit „Zahlen und Figuren“ nicht erfassen kann. Dann ist die Zeit gekommen, die Romantik als literarische Gattung wieder zuzulassen.

So wie Goethe jedoch die Romantiker in eine Nische stellt, so spotteten übrigens jedoch auch diese. Das berühmte Gedicht von Novalis grenzt in seiner Wenn-dann-Folge die Poesie, die Romantik von den aufgeklärten Geistern, den „Tiefgelehrten“ ab. Sie werden, so macht er deutlich, das Geheimnis der Welt nie erfassen. Beides jedoch birgt seine Möglichkeiten. Die Vereinigung von Poesie und Wissenschaft kann möglich sein. Auch das nüchterne Denken kann offen bleiben für die Magie der Welt: Dies wäre der Königsweg. Novalis schreibt in seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen“, es läge „mehr Wahrheit in einem Märchen als in gelehrten Chroniken“. Den Chroniken etwas Märchenhaftes zuzugestehen, die Märchen aber als Chronik der menschlichen Verfasstheit zu lesen - das müsste doch möglich sein.

BildWer sich der Philosophie und Anschauung der Romantiker nähern möchte, der kann das mit einer neuerschienenen Anthologie unternehmen - und dabei gleichzeitig noch die Kulturszene ganz aktiv unterstützen. Anne Bohnenkamp, die Direktorin des Frankfurter Goethe-Hauses, hat für das Taschenbuch „Es geht um Poesie“ einen Überblick mit wichtigen Texten der Romantik zusammengestellt. Mit Auszügen aus Eichendorffs „Taugenichts“ bis hin zu Gedichten von Heinrich Heine, Karoline von Günderrode, Justinus Kerner, Essays und Briefwechseln, so zwischen den Brentanos oder auch zwischen Kleist und Goethe. Ein Teil des Kaufpreises kommt einem besonderen Projekt zugute: In Frankfurt am Main sitzt das Freie Deutsche Hochstift, das seit einem Jahrhundert die Manuskripte der deutschen Romantiker sammelt, ebenso aber auch Zeugnisse der Bildenden Kunst sowie der Alltagskultur dieser Zeit. In Nachbarschaft zu Goethehaus und Goethemuseum besteht die Möglichkeit, ein Literaturmuseum der deutschen Romantik anzusiedeln. Mit Kauf der Anthologie unterstützt man diese Pläne aktiv.

„Sie möchte Lust machen auf fortgesetzte Lektüre - und  auf ein Deutsches Romantik-Museum, das nicht zuletzt die romantische Utopie einer Emanzipation der Literatur aus der Bindung an die einsame Lektüre in unsere heutige Zeit tragen will: im experimentellen und multimedialen Raum einer Ausstellung des 21. Jh.s, die dabei gleichzeitig den >alten< Medien - der Handschrift und dem Buch - gewidmet sein wird.“, schreibt Anne Bohnenkamp im Vorwort.

Und im Moment des Schreibens dieses Beitrags sehe ich die aktuelle Nachricht: Das Museum kommt. Wenn das nicht romantische Poesie im Alltag ist! (Quelle: Frankfurter Neue Presse - http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Romantikmuseum-kommt;art675,704976)

Zum Abschluss soll noch ein Romantiker das letzte Wort haben:

Der Abend (1826)

Schweig der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.

Joseph von Eichendorff

Klett-Cotta: Das gelobte Land der Dichter (2009).

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„Ew. Hochwohlgeb.
beehre ich mich, beiliegenden Aufsatz für das Morgenblatt zu überschicken.
Ich wohne schon seit 6 Wochen hier am Rhein und warte mit Sehnsucht auf das erste Dampfschiff, um die Fahrt mitzumachen und feierlich zu beschreiben. Aber es ist bist jetzt noch keines erschienen. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mich wissen ließen, ob und wann eins vorbeikommt…“

Ludwig Börne aus Rüdesheim am 2. Mai 1826 an Johann Friedrich Cotta

Das Anliegen Börnes, sein Verleger möge nun ein Dampfschiff vorbeischicken, erstaunt weniger, wenn man weiß, dass J.F.Cotta (1764-1832), ein Hansdampf in allen Gassen war – und sich folglich unternehmerisch auch in der Dampfschifffahrt engagiert hatte. J.F. Cotta führte die 1659 gegründete Cotta`sche Verlagsbuchhandlung, die durch Einheirat gegründet wurde (Johann Georg Cotta ehelichte die Witwe eines akademischen Buchführers), zu Weltruhm. Vor allem die enge Beziehung des Verlegers zu Friedrich Schiller hatte für den Verlag enorme Folgen – bei Cotta erschien schließlich alles, was in der Klassik und Sturm und Drang Rang und Namen hatte: Schiller, Goethe, Herder, Fichte, Hölderlin, Kleist, Jean Paul, Hegel, Schelling, Alexander von Humboldt und viele mehr.

Im Laufe der Jahrhunderte hat der Verlag seine führende Stellung verloren. Mit dem Wandel der Zeiten hat sich auch das Programm geändert – im literarischen Bereich zehrt man etwas von den Klassikern und Modernen Klassikern (Gottfried Benn, Stefan George, Ernst Jünger), in der Gegenwartsliteratur ragen die Namen Javier Marias und Brigitte Kronauer heraus. Für Liebhaber des Fantasy-Bereichs steht der Name Tolkien. Und der Ursprung des Verlages – die Nähe zur Universität Tübingen – lebt im starken Sachbuchbereich fort. (Mehr zu Geschichte und Programm unter www.klett-cotta.de).

2009 gab der Verlag zu seinem 350jährigen Bestehen einen schmalen Band (180 Seiten) heraus: „Cotta – Das gelobte Land der Dichter.“ Kein umfangreiches Geschichtswerk mit Daten, Fakten, Eigenlob, sondern eine Auswahl von Briefen an die Verleger, ein Querschnitt und Abbild dieses sensiblen Verhältnisses über beinahe vier Jahrhunderte hinweg. Brigitte Kronauer führt in ihrem Vorwort in diese „zumindest unterschwellig nervöse Beziehung“ ein: Soll der Verleger doch nicht nur für das Erscheinen der Dampfschiffe sorgen, sondern zugleich auch das höchste, das geistige Gut in bare Münze umsetzen.

Die Herausgeber Stephan Askani und Frank Wegner haben eine Auswahl der Briefe an den Verlag nach Themen geordnet – Freundschaft und Konflikte werden angesprochen, Zeit und Gesellschaft, Geld und Honorar. Die Anschreiben – nur wenige Briefe der Verleger selbst sind im Band enthalten – spiegeln persönliche Verfasstheit der literarischen Berühmtheiten wieder, lassen charakterliche Rückschlüsse zu (ein Goethe bittet nicht, sondern lässt bitten via Schiller oder Eckermann und wenn er schreibt, so hat dies meist fordernden, delegierenden Charakter), zeigen politische Nöte und Zwänge auf, lassen den Zensor harsch auftreten, kurz: sprechen Bände. Das Buch setzt zwar einiges an Vorwissen über deutsche Verhältnisse voraus – die muss man sich selbst quererlesen und erarbeiten. Aber dies ist nicht unbedingt ein Mangel: Die Briefe sind ein Schatz an sich – stilistisch, sprachlich, inhaltlich. Wünschenswert an editorischer Leistung wären dagegen jedoch die Übersetzungen der englisch- bzw. französischsprachigen Lettres von Javier Marias und Madame de Stael gewesen.

Einige Zitate:

Friedrich Schiller stand in enger Beziehung zu F.J. Cotta. Im Verlag erschienen sowohl die Horen als auch der Musen-Almanach. Zudem stellte Schiller zahlreiche weitere Beziehungen zu Autoren her, die er dem Verleger ans Herz legte:

„…Hölderlin hat einen kleinen Roman, Hyperion, davon in dem vorletzten Stück der Thalia etwas eingerückt ist, unter der Feder. “

Friedrich Schiller an J.F. Cotta, 9.3.1795

„Nun noch einen guten Rat. Ich fürchte, Goethe läßt seinen Faust, an dem schon so viel gemacht ist, ganz liegen, wenn er nicht von außen und durch anlockende Offerten veranlaßt wird, sich noch einmal an diese große Arbeit zu machen und sie zu vollenden.“

Friedrich Schiller an J.F. Cotta, 24.3.1800

Heinrich Heine lebte ab 1831 in Paris. Ab 1832 war er als Pariser Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung tätig, die von Cotta gegründet worden war. Sie war zu dieser Zeit die führende deutschsprachige Tageszeitung. In seinen Briefen tritt der ganze Witz dieses lebendigen Geistes ebenso wie seine melancholische Seite, befördert durch die Erkrankung, zutage.

„Damit Sie aber nicht glauben, ich sei in eine Tänzerin verliebt und bliebe deshalb hier und wäre recht börnisch faul, so habe ich den Anfang meines italienischen Tagebuchs ausgearbeitet (…).
Ich mache Sie aber nochmals darauf aufmerksam, daß ich in keine Tänzerin verliebt bin, obgleich sich solch eine Liebe sehr gut mit Schnupfen und Husten verträgt, und ein ebenso großes Unglück ist.“

Heinrich Heine an J.F. Cotta, Florenz, 11.11.1828

„Durch meinen körperlichen Zustand abgesperrt von den Genüssen der Außenwelt, suche ich jetzt Ersatz in der träumerischen Süße der Erinnerungen, und mein Leben ist nur ein Zurückgrübeln in die Vergangenheit: da tritt oft vor meine Seele das Bild Ihres seligen Vaters, des wackeren würdigen Mannes…“

Heinrich Heine an F. J. Cottas Sohn Georg v. Cotta, Paris, 26.3.1852

Und zumindest kann dieser Sammelband wieder die Lust auf das Briefeschreiben erwecken oder auch nützlich sein für eigene Geschäftskorrespondenz:

„Weit entfernt, mein sehr geschätzter Herr und Freund, den Antrag, den Sie mir am 28. Nov. Des abgewichenen Jahres taten, anders zu nehmen als er von Ihnen gemeint ist, erkenne ich mich Ihnen vielmehr sehr verbunden dafür, und hoffe, mein guter Genius werde, um der 73 Jahre willen, die an mir gezehrt haben, nicht ganz so untreu an mir werden, daß ich Ihnen nicht zuweilen einen kleinen Beitrag, wenigstens zum Zeichen meines guten Willens, sollte übersenden können.“

Christoph Martin Wieland an J. F. Cotta, Weimar im Februar 1807.

„Cotta – Das gelobte Land der Dichter“, 2009, Klett-Cotta Verlag, 17,95 Euro, gebunden, Umschlag, Lesebändchen, ISBN: 978-3-608-93904-0.

Von Möpsen und Menschen

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„Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“

Loriot (1923 -2011)

Es ist mir ein Rätsel, warum so viele Literaten auf den Hund kommen. Und wenn schon Hund, warum dann auf den Mops? Potzblitz, motz.

Die Reihe seiner dichtenden Anhänger ist legendär: Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke und Gregor von Rezzori waren Freunde dieses „anhänglichen Begleithundes“, Goethe, Ernst Jandl, Wilhelm Busch und andere setzten ihm literarische Denkmäler. Die Anzahl der Mops-Gedichte und –Geschichten ist so hoch wie die Häufchen-Dichte in manchem Stadtpark.

Der Mops stammt ursprünglich aus China. Es war das Privileg des Kaisers, ihn zu berühren und anzufassen. Für Hinz und Kunz gab es nur zweite Wahl – sprich Möpslinge, die nicht den kaiserlichen Standards entsprachen. Später schrieb der Mops in Europa Geschichte – so das Brettener Hundle, das 1504 in der Melanchthon-Stadt eine Belagerung beendete. Melanchthon ist der zweitnächstberühmte Sohn der Stadt. Nach dem Mops.

Eine Auswahl an literarischen Mopsereien:

An Mops

Sei dumm!
Dies wünsch′ ich dir zum neuen Jahr!
Warum?
Weil Dummheit in dem alten Jahr
So manches Schöpsen Glück gebar.
Darum
Sei dumm!

Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 bis 1791)
Schubart, der nicht nur durch seine „Forelle“ berühmt wurde, sondern auch als einer der wichtigsten politischen Journalisten seiner Zeit war, im Portrait:
http://saetzeundschaetze1.wordpress.com/2013/07/15/schubart/

Als unser Mops ein Möpschen war

Als unser Mops ein Möpschen war,
Da konnt er freundlich sein.
Jetzt brummt er alle Tage
Und bellt noch oben drein,
Heidi, heida, heidal la la,
Und bellt noch oben drein.

“Du bist ein recht verzogen Tier!
Sonst nahmst du, was ich bot.
Jetzt willst du Lekkerbissen
Und magst kein trocken Brot,
Hei-du, hei-du, hei-da-la-la
Und magst kein trocken Brot.

Zum Knaben sprach der Mops darauf:
“Wie töricht sprichst du doch!
Hätt’st du mich recht erzogen,
Wär ich ein Möpschen noch,
Hei-du, hei-du, hei-da-la-la
Wär ich ein Möpschen noch

Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Der klassische Mops:

Die Strafe der Faulheit

Fräulein Ammer kost allhier
Mit Schnick, dem allerliebsten Tier.

Sie füttert ihn, so viel er mag,
Mit Zuckerbrot den ganzen Tag.

Und nachts liegt er sogar im Bett,
Da wird er freilich dick und fett.

Einstmals, als sie spazieren gehen,
Sieht man den Hundefänger stehen.

Er lockt den Schnick mit einer Brezen.
Das Fräulein ruft ihn voll Entsetzen.

Doch weil er nicht gehorchen kann,
Fängt ihn – gripsgraps! – der böse Mann.

Seht, wie er läuft, der Hundehäscher!
Und trägt im Sack den dicken Näscher.

Gern lief er fort, der arme Schnick,
Doch ist er viel zu dumm und dick.

Den schlacht´ ich!« spricht der böse Mann,
“Weil er so fett und gar nichts kann.“

Das Fräulein naht und jammert laut,
Es ist zu spät: da liegt die Haut.

Zwei Gülden zahlt sie in der Stille
Für Schnickens letzte Außenhülle.

Hier steht der ausgestopfte Schnick.
Wer dick und faul, hat selten Glück.

Wilhelm Busch  (1832-1908)

In seinem naturgeschichtlichen Alphabet „für größere Kinder und solche, die es werden wollen“, macht Wilhelm Busch dem Mops ebenfalls keine Ehre: „Der Mops ist alter Damen Freude.“

 Mopsenleben

Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinaus erstrecken,
(um) von sotanen Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.

O Mensch, lieg vor dir selber auf der Lauer,
sonst bist du auch ein Mops nur auf der Mauer.

Christian Morgenstern (1871-1914)

DAS berühmteste aller Mops-Gedichte:

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Ernst Jandl (1925-2000)

Hier spricht es Herr Jandl höchstpersönlich:

An diesem Werk werden sich noch Generationen von Sprachwissenschaftlern, Literaturexperten und Germanisten abarbeiten. Es gibt seitenweise Untersuchungen dazu, die von einer Analyse der anarchistischen Züge des Mops reichen bis hin zur Feststellung, das Gedicht drücke die Annäherung von Mensch und Tier aus. Wie mopsig. Mir macht dieser Mops vor allem eines: Immer wieder einen Mops-Spaß.

Der Mops von Fräulein Lunden

Der Mops von Fräulein Lunden
war eines Tags verschwunden.
Sie pflegte, muss man wissen -
tagtäglich ihn zu küssen.
Das hat dem Mops, wie allen,
die ehrlich sind, missfallen.
Der Küsse überdrüssig,
ward unser Möpschen bissig.
Er stritt mit allen Hunden
und selbst mit Fräulein Lunden.
Und gestern oder heute
entfloh er, liebe Leute.
Er floh vor Kuss und Schleifen.
Man kann den Mops begreifen.
Denn Schleifchen sind ihm schnuppe.
Ein Mops ist keine Puppe
Dem Mops sind Küsse Qual,
so lautet die Moral.

James Krüss (1926-1977)

Und auch das noch! “Wenn die Möpse Schnäpse trinken”…

Zum Schluss sei nochmals Loriot zitiert: “Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen. Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen.” Ja, dann!

Weitere literarische Mops-Verarbeitungen:

  • Der Mops von Bornholm von Emanuel Eckardt, 1985.
  • Der Mops von Edelstein, Erzählung von Johann Wolfgang von Goethe, 1795
  • Plisch und Plum, Wilhelm Busch, 1882