Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes (2012).

“Der allergrößte Teil der Welt, auch unserer persönlichen, vertrauten Welt, treibt, unerzählt und ohne jemals zur Sprache gebracht worden zu sein, an uns vorüber.”

Christoph Ransmayr im Interview.

- Ein Gastbeitrag von Klaus Krolzig -

Seit Erscheinen seines großartigen Ovid-Romans “Die letzte Welt” von 1988, der seinen internationalen Ruhm begründete, bin ich süchtig nach jedem neuen Buch von Christoph Ransmayr, der lange Zeit in Irland lebte und jetzt wieder auf einer Alm in seiner österreichischen Heimat ansässig ist. Er begleitet mich schon ein Leserleben lang und  im vorigen Jahr durfte ich ihn bei einer Lesung in Wuppertal persönlich kennenlernen. Selten bin ich einem Autor begegnet, von dem solch ein Charisma ausgeht.

Ransmayr ist ein Sprach- und Wortkünstler, wie es ihn bestimmt kein zweites Mal gibt. Man sagt, er schreibe Sätze wie in Stein gehauen oder besser noch: wie in Lava gegossen. Für die Arbeit an seinen Romanen nimmt er sich immer sehr, sehr viel Zeit, manchmal vergehen Jahre bis zum Erscheinen eines neuen Buches.

Der neueste Band “Atlas eines ängstlichen Mannes” widersetzt sich einer genauen Zuordnung. Es ist kein Reisetagebuch, kein Roman einer Reise, keine lose Sammlung von Reisereportagen. Es enthält keine Illustrationen, keine Fotografien, keine Reiserouten. Wie der Titel schon besagt, ist dies ein Atlas, der aus Geschichten besteht.  70 Geschichten oder wie Ransmayr es nennt “Episoden”, die an 70 Schauplätze rund um den Erdball führen. Beginnend von seiner Kindheit bis in die Gegenwart. Das Reisen und das Gehen sind seine Leidenschaft. Sein Grabstein soll einmal die lapidare Inschrift tragen “Auf und Davon”.

Ransmayr bewegt sich selten auf den augetretenen Routen der Touristen. Eine besondere Vorliebe hat er für exotische, abgelegene Schauplätze, vor allem Wüsten, Eis- und Gebirgslandschaften, entlegene Inseln. Einige Episoden entstanden auf Touren, die er gemeinsam mit seinem Freund Reinhold Messner unternommen hat. Er ist immer auf der Suche nach den unscheinbaren Dingen einer Landschaft. Sein Blick richtet sich nie auf das Ganze, sondern immer auf das Einzelne, auf Tiere, auf Stimmungen. Literarische Miniaturen, Reiseeindrücke auf das Wesentliche focussiert.

Eine der schönsten Episoden des Buches heißt “Tod in Sevilla” und beschreibt in einer hochpoetischen, fast schon um Atem ringenden Sprache den ungleichen Kampf zwischen Torero und Stier. Nach Hemingway gehört dies zum Besten, was ich über den Stierkampf gelesen habe. Zu Beginn der Geschichte, als der Stier die Arena betritt, heißt es: “Betäubt kämpft das Tier gegen seine Verwunderung an, in eine nackte, tosende Weite und nicht auf seine Weide hoch über dem Golf von Cadiz entlassen worden zu sein. Dorthin, wo es die bisherigen vier Jahre seines Lebens verbracht hatte.”

Die letzte Episode trägt den Titel “Die Ankunft” und spielt nicht etwa bei Ransmayr zuhause in Österreich auf der Alm, sondern bei den Mönchen im Himalaya. Der letzte Satz hieraus lautet: “Nun war ich angekommen.” Wohl nicht angekommen an einem bestimmten Ort in Raum und Zeit, sondern bei sich selbst.

Die Besprechung in der Zeit.

Ein interessantes Interview zum Atlas mit Ransmayr auf der Seite der Fischer Verlage.

Christopher Isherwood: Kondor und Kühe (1945).

„Ich habe noch nie so viele Buchhandlungen gesehen. Zusätzlich zu Dutzenden von lateinamerikanischen Autoren, von denen ich noch nie gehört habe, haben sie auch zahllose Übersetzungen auf Lager – alles von Platon bis Louis Bromfield. Bogotá ist natürlich berühmt für seine Kultur. Es gibt einen Ausspruch, soweit ich weiß, dass hier sogar die Schuhputzjungen Proust zitieren. Es ist schön, sich einen von ihnen vorzustellen, wie er Bürste in der Hand, innehält, um zu bemerken: Tatsächlich liegt in der Liebe beständiges Leiden, das die Freude zwar neutralisiert, in bloß potenziellem Zustand erhält und aufschiebt, das aber jeden Augenblick werden kann, was es seit Langem wäre, wenn man nicht das erlangt hätte, was man wollte: entsetzlich…“

Christopher Isherwood am 12. Oktober 1947 in Bogotá in: „Kondor und Kühe“, Liebeskind Verlag, 2013.

Der britische Schriftsteller Christopher Isherwood (1904-1986) war, wie zahlreiche seiner Landsleute, lebenslang auch ein Reisender. Seine Reisebücher und Essays darüber sind hierzulande jedoch weitgehend unbekannt – Isherwood ist vor allem im Gedächtnis für seinen Roman „Leb wohl, Berlin“, die Vorlage für das berühmte Musical „Cabaret“ und für „A single man“, 2009 atemberaubend auf die Leinwand gebracht von Tom Ford, das gelungene Filmdebüt des Modedesigners.
So dauerte es leider bis 2013, dass ein Verlag so mutig war, das südamerikanische Reisetagebuch Christopher Isherwood ins Deutsche übersetzen zu lassen: „Kondor und Kühe“, übersetzt von Matthias Müller, erschienen im Münchner Liebeskind Verlag. Ein Gewinn für alle, die gerne lesend reisen und für jene, die sich in lateinamerikanischer Politik und/oder Kultur auskennen. Und das (freilich vom Autor noch vor Erscheinen redigierte) Tagebuch eines großen Stilisten: Isherwood beobachtet genau, analysiert messerscharf, schreibt brillant.

1947 besteigen er und sein Reise- wie Lebensgefährte, der Fotograf William Caskey, mit dem ihn eine fünfjährige, teils destruktive Beziehung verband, ein Schiff in New York.

„Er ist sechsundzwanzig Jahre alt, ein Ire aus Kentucky. Wahrscheinlich würde Dr. Sheldon ihn als einen kleinen viscerotonischen Mesomorphen klassifizieren. Seine Freunde vergleichen ihn oft, durchaus nett gemeint, mit einem Schwein. Dem brauche ich nichts hinzuzufügen. Er wird sich wahrscheinlich selbst beschreiben, ganz allmählich, in dem Maße, wie der Bericht unserer Reise fortschreitet. Er ist Fotograf von Beruf und begleitet mich, um Fotos für das Buch zu machen.“

Nun: Die Fotos sind es nicht, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dagegen Isherwoods Beobachtungen. Er sagte von sich selbst: „I am a camera“. Und so saugt er auf dieser Reise, die bis März 1948 währt, Bilder eines Kontinents im ewigen Unruhezustand auf, die er zu Papier bringt. Auf teils abenteuerlichen Routen, mit dem Schiff, Zug, Bus, seltener mit dem Flugzeug, reisen die beiden Männer über Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien bis Argentinien. Freilich erleichtert seine Bekanntheit als Schriftsteller Isherwood den Kontakt zu Land und Leuten und ermöglicht ihm Einblicke, die einem Rucksacktouristen nicht gewährt werden. Da hält er Vorträge vor literarischen Zirkeln, wird von den jeweiligen amerikanischen und britischen Botschaftern gerne auch mal betüttelt, trifft alte Freunde aus Berliner Zeit, Exilanten, die vor den Nazis fliehen mussten und in Südamerika eine neue Heimat fanden.

Freilich ist Isherwood jedoch intelligent und ironisch genug, um sich von den Fassaden der oberen Gesellschaftsschichten nicht blenden zu lassen – in langen Passagen setzt er sich mit den politischen Unwägbarkeiten Lateinamerikas auseinander, mit der Rolle der Kirche, der Armut der Landbevölkerung und der Stellung der Indios. Und immer wieder wird die Faszination für das Andere, das Fremde, selbst dessen grausame Seite, deutlich:

„Es ist ein gewalttätiges Land. Donner und Lawinen in den Bergen, riesige Überschwemmungen und Gewitter auf den Ebenen. Vulkane explodieren. Die Erde bebt und teilt sich. Die Wälder voller wilder Tiere, giftiger Insekten und tödlicher Schlangen. Ein falsches Wort, und ein Messer wird gezogen. Ganze Familien werden ohne Grund ermordet. Unruhen sind überraschend und blutig und oft sinnlos. Autos und Lastwagen werden mit einer Gleichgültigkeit, die schon beinahe selbstmörderisch ist, ineinander oder über Felsvorsprünge gefahren. Solch eine Energie in Zerstörung. Solche eine Apathie, wenn es darum geht, etwas zu reparieren oder zu bauen. So viel Humor in Verzweiflung.“

Die Reise liegt nun beinahe 70 Jahre zurück. Warum also ein Reisetagebuch lesen, von dem man annehmen könnte, alle Beobachtungen darin sind bereits überholt, alle Entdeckungen, die Bücher wie diese interessant machen könnten, waren bereits schon zuvor gemacht?
Nun, zum einem: Die Natur bleibt, wo sie nicht mutwillig vom Menschen zerstört werden kann, unabänderlich – noch immer kreisen Kondore, noch immer ist Argentinien geprägt von ihrer Pampa, schüchtern die Schneegipfel der Anden mit ihrer Mächtigkeit ein, birgt die von Isherwood geprägte Route atemberaubende Anblicke. Obwohl bekennende Reisemuffelin, kann ich dies doch aus eigener Anschauung bestätigen – einen Teil der Route, wenn auch einen kleineren mit weniger Zeit, nahm auch ich einstmals auf mich und ward überwältigt.
Und nachvollziehen kann ich auch die Todesängste, die Isherwood bei manchem Reiseabschnitt durchlitt und humorvoll kommentiert: Busfahrer, die mit Höchstgeschwindigkeiten Haarnadelkurven am Abgrund nehmen, Piloten, die durch den Nebel stochern, Buse, die notorisch unpünktlich kommen und dich irgendwo im Nirgendwo aussetzen – auch das ist eine Konstante.
Vor allem aber sind Isherwoods Bemerkungen über die politische Entwicklung dieses Kontinents, der lange in Abhängigkeiten gehalten wurde – von den spanischen und portugiesischen Eroberern und deren verlängertem Arm, der Kirche, später von den Weltmächten USA und UdSSR – hellsichtig und – leider – immer noch höchst aktuell.

„Doch die neuen Republiken sind noch nicht wirklich frei, nicht wirklich einheitlich. Sie sind noch keine Nationen geworden. (…) Um Nationen zu werden, müssen sie aufhören Kolonien zu sein. Die Natur arbeitet an diesem Projekt, vermischt allmählich Indios mit Latinos. Doch die Natur arbeitet sehr langsam. Und währenddessen fegt eine große Flut sozialer Revolutionen über die Welt. Eine Flut, die Kommunisten und andere zu lenken und zu kontrollieren versuchen. In Kolonialländern muss dieser gesellschaftliche Aufstand der Unterprivilegierten auch die Form eines rassischen Aufstands annehmen (…). Die unmittelbaren Aussichten sind beängstigend. Jahrzehnte der Unruhe. Militärherrschaft. Herrschaft des Pöbels. Endlose Gewalt, unterbrochen nur durch Perioden schierer Erschöpfung. Ausländische Intervention, die vielleicht für eine Weile eine unpopuläre Disziplin auferlegt. Dann noch mehr Revolten, noch mehr Blutvergießen…Oder bin ich zu pessimistisch? Es gibt Kräfte auf der anderen Seite, die friedliche Veränderung und Entwicklung betreiben. Sie sind vielleicht viel stärker, als sie aussehen.

Noch, so scheint es, ist diese Entwicklung nicht abgeschlossen.

Hans Scherer: Stopover (1995).

- Ein Gastbeitrag von Klaus Krolzig -

Es kommt schon mal vor, daß man bei zerstreuter Zeitungslektüre inne hält, weil man im gleichförmigen Chor der Journalisten-Prosa auf einmal eine Stimme hört, die ganz eigen ist und zu mir, dem Leser spricht, die Geschichten erzählt und im Ohr bleibt.Und dann schaut man, wer da spricht und liest bald die Artikel mehr des Autors  wegen als seiner Themen.

Mit Hans Scherer, Redakteur im Reiseblatt der FAZ, könnte es einem so gehen. Eigentlich hatte er Dichter werden wollen. Als diese Neigung unerfüllt bleiben mußte, beschloß er, Journalist zu werden. Aufgrund seiner Fabulierlust beschreibt er nicht nur das, was er sieht, sondern auch die Bilder und Geschichten, die sich oft als zweite Wirklichkeit über Städte und Landschaften gelegt haben. Scherers Reportagen aus der fernen und nahen Welt haben einen eigenen Sound, nicht marktschreierisch, sondern ein feines, ironisches Intrument. Im Vorwort zu Stopover schreibt Scherer, daß das Reisen für ihn eine Art des Verschwindens sei. Seit 1998 ist er endgültig verschwunden. Gerade deshalb möchte ich hiermit diese einzigartige Stimme dem Vergessen entreißen.

Zu einem Weltreisenden hat mich Scherer nicht gemacht, das hätte er wohl auch nicht gewollt. Bei aller Abenteuerlust hat er bei der  Rückkehr einer seiner Reisen einmal gemeint, wie schön es doch zuhause sei. Am liebsten reiste er in wilde Gegenden. Aus Afghanistan, aus Indien, aus dem chinesischen Meer und von den schlammigen Ufern des Amazonas hat er berichtet, aber ebenso aus gefährlichen Städten: aus Kalkutta, Bangkok, Rio und Paris. So schreibt er aus Beirut: “Auf der Straße riecht es nach allen Gewürzen des Orients, nach Exkrementen, nach Verwesungen. Zwischendrin hängen in den Geschäften halbe Ochsen und ihre Innereien, lebende Hühner. Ein Hupen und ein Geschrei, daß man nur noch weg will. Man kann böse hupen, fröhlich hupen, drohend hupen. Meistens hat das Hupen eine Bedeutung, die bei uns völlig unbekannt ist: man hupt, weil man den, der an der Straße steht, mitnehmen will. Das ist hier üblich, jeder wird mitgenommen. Der Preis: man zahlt, was man will. Beirut war eine Erfahrung in Menschlichkeit. Hier steige ich ins Auto von wildfremden Menschen und fahre in die abenteuerlichsten Viertel von Beirut.”

“Für Indien muss man geboren sein”

Hans Scherer bleibt in seinen Reiseberichten immer ganz er selbst. Er verharrt auf dem Beobachterposten des Fremden, der sich nicht assimiliert, sondern gerührt oder abgestossen, befremdet oder begeistert ist. Mit dem Blick eines Europäers reiste er um die Welt. Dabei konfrontiert er uns mit der Begrenztheit dieser Wahrnehmung: “Ich war also wieder in Indien. Für Indien muß man geboren sein. Bei den einen löst schon die Nennung des Namens Entsetzen aus. Sie schlagen die Hände über den Kopf zusammen, bedecken das Gesicht, schütteln sich und murmeln etwas von Armut, Krankheit, Seuchen und Terrorismus. Wie kann man nur in solch ein Land reisen! Die anderen verschließen die Augen nicht vor der Gegenwart, siewollen sehen, was sie schreckt. Indien ist die Gegenwart! Gewiß, mit tausend Problemen, von denen keines gelöst wird, indem man das Land meidet und draußen  niemand weiß, wovon eigentlich die Rede ist. Nehmen wir die Kinderarbeit zum Beispiel, und die Schulpflicht. Letztere besteht nicht und sie wird nicht einmal gefördert, weil die Schule die soziale Struktur auf dem Lande durcheinander brächte und weil es in den Städten sowieso schon zu viel Arbeitslose mit Hochschulbildung gäbe. Darin steckt eine brutale Wahrheit, deren Bedeutung man erst begreift, wenn man am Tümpel steht, in dem die jauchzenden Kinder die Wasserbüffel putzen, vielleicht ihren Großvater. Ich gehöre zu denen, die Indien lieben, mit allem, was dazu gehört. Denn Liebe, die sich nur die besten Stücke aussucht, ist keine Liebe. So liebe ich denn auch den Dreck, die Armut, die Krankheiten, die Probleme.”

Zu Unrecht ist Scherer als Flaneur bezeichnet worden. Anders als der distanziert betrachtende Flaneur legt er es darauf an, von den Dingen innerlich berührt zu werden. Stets begibt er sich in Situationen, die ein unberührbartes Beobachten unmöglich machen. Mit seinen fernen und nahen Reiseberichten öffnet er dem Leser die Augen für die vielen Wirklichkeiten, die erst einmal angenommen werden wollen, bevor man ihnen weltverbessernd zu Leibe rückt. Und dies ohne erhobenen Zeigefinger. Mit guten, komischen und traurigen Geschichten, mit Ironie, Rührung und mit einem beneidenswerten Blick für Anschaulichkeit, Geschichten die sich einprägen.

Das Buch “Stopover” mit den gesammelten Reiseberichten  ist als 129. Band 1995 in der Anderen Bibliothek erschienen und sowohl neu als auch gebraucht im antiquarischen Buchhandel  erhältlich.

Klaus Krolzig

Paul Bowles: Taufe der Einsamkeit (1950-1972).

„Die Wüstenlandschaft ist immer am schönsten im Zwielicht der Morgen- und Abenddämmerung. Um diese Zeit fehlt das Gefühl für Entfernungen: Ein naher Hügel kann wie ein weit entfernter Höhenzug wirken, jedes Detail kann zu einer Größe erster Ordnung im monotonen Thema der Landschaft werden. Der nahende Tag ist voller Verheißungen; erst wenn er sich voll entfaltet hat, kommt dem Betrachtenden der Verdacht, daß es der vorangegangene Tag sein könnte, der wiedergekommen ist – der gleiche, den er wieder und wieder erlebt hatte, immer noch blendend hell und unberührt von Zeit.“

Paul Bowles, „Himmel über der Wüste“, im Original: „The Sheltering Sky“, Erstausgabe 1949

„Es ist eine einzigartige Empfindung, und sie hat nichts mit Verlassenheit zu tun, denn Verlassenheit setzt Erinnerung voraus. Hier, in dieser vollkommen mineralischen Landschaft, von Sternen erhellt wie von Leuchtfeuern, verschwindet sogar die Erinnerung; es bleibt nichts übrig als Ihr eigenes Atmen und das Geräusch Ihres schlagenden Herzens. Ein merkwürdiger und keineswegs angenehmer Prozess, bei dem Sie sich neu zusammensetzen, beginnt in Ihrem Innern abzulaufen, und Sie haben die Wahl, entweder dagegen anzukämpfen und darauf zu bestehen, dass Sie die Person bleiben, die Sie immer gewesen sind, oder es geschehen zu lassen. Denn niemand, der längere Zeit in der Sahara war, ist noch genau derselbe, wie bei der Ankunft.“

Paul Bowles, „Taufe der Einsamkeit“, Reiseberichte 1950-1972, Liebeskind Verlag 2012

Jane und Paul Bowles

Paul Bowles schreibt am schönsten, am klarsten dort, wo er über die Wüste schreibt – bei ihm wird sie zu einer Metapher für das Leben, ein Ausdruck unserer Existenz. Der amerikanische Schriftsteller und Komponist (1910-1999) verbrachte selbst sein überwiegendes Leben beinahe wie ein Nomade, insbesondere bereiste er Südamerika und Nordafrika. Ab 1947 lebte er in Tanger, zunächst mit seiner Frau, der Schriftstellerin Jane Auer (Jane Bowles) bis zu deren Tod 1973.

In seinem ersten Roman, „Himmel über der Wüste“, ist, obwohl Bowles dies stets abstritt, sicher auch einiges über diese Ehe herauszulesen. Das amerikanische Paar Kit und Port Moresby versucht nach zwölf Jahren Ehe bei einer Reise durch Algerien ihre verloschene Liebe wiederzufinden. Doch – zum Teil fernab der Zivilisation, zurückgeworfen auf das eigene Selbst, zum Teil konfrontiert mit exzentrischen Figuren der Außenwelt – der Versuch misslingt. Port stirbt an Typhus, Kit verirrt sich im wahrsten Sinne in der Unendlichkeit der Wüste. Durch dieses Buch und den nachfolgenden, 1952 erschienenen Roman „So mag er fallen“, der ebenfalls die gescheiterte Flucht eines Mannes, aus der Leere des amerikanischen Daseins nach Tanger beschreibt, hatte Bowles sein Thema gefunden – auch in seinen weiteren beiden Büchern stehen zivilisationsmüde Menschen im Mittelpunkt, die hoffen, in einer anderen, exotischen Umgebung zu sich zu finden. Und die darin scheitern.

Zudem hatte sich Bowles, in dessen Büchern immer wieder auch auf die Wirkung des „Kif“ eingegangen wird, damit auch eine literarische Fangemeinde erschrieben – er wurde zum Vorbild für die Schriftsteller der Beat-Generation Ginsberg, Burroughs und Kerouac, aber auch andere Autoren wie Capote folgten ihm nach Tanger. Später geriet Paul Bowles zu Lebzeiten mehr oder weniger in Vergessenheit – nach dem Tod seiner Frau lebte er bis 1999 mit seinem Lebensgefährten Mohammed Mrabet in Tanger. Erst in seinen letzten Lebensjahren wurde die Öffentlichkeit wieder auf den Schriftsteller und seine Bücher aufmerksam – 1990 kam „Himmel über der Wüste“ in der berauschenden Verfilmung von Bernardo Bertolucci in die Kinos. Ein Fest für das Auge, für die Sinne – und dabei auch eine gelungene Literaturverfilmung, in der Bowles sogar selbst als Erzähler aus dem Off mitwirkt. Was lange unbekannt blieb, war, dass Paul Bowles nicht nur ein herausragender Romancier und einer der Vertreter des englischsprachigen Existenzialismus war, sondern – auch für die eigene materielle Existenz – zahlreiche Reiseberichte schrieb. Eine Auswahl davon erschien 2012 erstmals in deutscher Sprache beim Liebeskind Verlag: „Taufe der Einsamkeit“. Übersetzt wurden die Reportagen, die auch heute noch mitreißen und kaum von der Zeit überholt erscheinen, von dem Schriftsteller Michael Kleeberg (hier im Interview in der Sendung des Schweizer Rundfunks, „52 beste Bücher“, zum Buch).

Deutlich werden an den Berichten nicht nur die Vielzahl der Orte und Welten, die Bowles sich reisend und forschend (so hält er im Auftrag der Rockefeller-Stiftung in Marokko die Formen der Berber-Musik fest) erschreibt, sondern auch seine stilistische Bandbreite: Mal faktenreich über die Wüste, mal voller Humor über den Versuch, in Indien einen Brief aufzugeben, mal kritisch über den Tourismus- und Bauboom an der Costa del Sol, mal voller Poesie über die Schönheit des Lebens auf Ceylon.

„Der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles verbindet einen kristallinen Stil mit geradezu verblüffend anmutender Aktualität. Seine ursprünglich für angelsächsische Reisemagazine geschriebenen Reportagen sind konzise Erzählungen, die keinerlei Patina angesetzt haben“, so begeistert äußerte sich Marko Martin im Deutschlandradio.

Schon lange vor Paul Bowles entdeckte Henri Matisse Tanger für sich - einige seiner schönsten Bilder entstanden dort.

Dabei bewahrt sich Bowles, trotz seiner Affinität für Orte und Menschen und trotz seiner spürbaren Neugier für das, was hinter den Mauern vorgeht, auch die Distanz des kritischen Beobachters, urteilt subjektiv, erzählt aus seiner Warte.

„Seit dem ersten Morgen im Jahr 1931, als ich in einem Hotelzimmer erwachte und das Getöse draußen auf der Straße hörte, habe ich eine heftige Abneigung gegen diese Stadt empfunden. Ich kenne Marokko, aber nicht Casablanca, und das liegt daran, dass ich es, wann immer es ging, gemieden habe (…) In den Jahren des französischen Protektorats war es ein Gemeinplatz zu sagen, dass Casablanca das Schlimmste beider Welten vereinigte; seine Franzosen waren die arrogantesten und unangenehmsten und seine Marokkaner die dekadentesten, was so viel heißt wie: die europäisiertesten. (…)“

Ironisch-lapidar äußert sich Bowles über die Tücken des Taxiverkehrs in der Stadt:

„Sie verlassen also morgens ihr Hotel und winken eines der spielzeugartigen Taxis heran, die die Boulevards entlangrasen, und ob Sie es glauben oder nicht, Sie werden direkt in die Welt von Lewis Carroll versetzt. Quasi jedes Gespräch mit einem Taxifahrer kann das erreichen. Präzise Unlogik, einstudierte sinnlose Schlußfolgerungen, schamlose Widersprüche, die beiläufige Einführung völlig abseitiger Themen, dazu eine verdruckste Miene prinzipieller Mißbilligung – alle Zutaten sind vorhanden, um die Illusion zu vermitteln, man sei plötzlich in einen Kaninchenbau gefallen oder durch den Spiegel getreten.“

Diese humoristisch-subjektiven Schilderungen machen jedoch nur einen Teil des Reizes dieser Berichte aus. Vor allem Bowles Bemühen, die anderen Kulturen zu ergründen, zu verstehen und diese äußeren mit einer inneren Reise zu verbinden, also im besten Sinne eine Begegnung der Welten zu erfahren, prägen diese lesenswerten Reportagen. Sie sind eine nichtfiktionale Erweiterung seiner Romane, sie können im besten Falle auch beim Leser Prozesse und zumindest Neugier auf „das andere“ in Gang setzen. Sein Bericht – oder fast besser noch „Reiseerzählung“ – über Sevilla endet mit diesen Worten:

„Ya es la hora de la siesta. All das wird ihn zurück nach Amerika begleiten, nichts wird verschwendet gewesen sein. Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Tanger - Henri Matisse

Und – als ewige Träumerin von der Wüste – hier noch meine Lieblingsstelle aus der titelgebenden Reportage über die Sahara:

„War ein Mann (Anmerkung der Verfasserin: „eine Frau“ dazu denken) dort und hat die Taufe der Einsamkeit über sich ergehen lassen, dann kann er nicht anders. Ist er einmal dem Zauber des gewaltigen, gleißenden, stillen Landes erlegen, dann ist kein anderer Ort mehr kraftvoll genug für ihn, dann kann keine andere Umgebung das unüberbietbar befriedigende Gefühl in ihm hervorrufen, mitten im Absoluten zu stehen.“

Vorangestellt ist den Reportagen eine Art Programm, das Bowles 1958 in „The Nation“ veröffentlichte: „Eine Herausforderung an die Identität“.

„Noch vor einem Jahrhundert ist das Reisen eine Sache für Spezialisten gewesen. Da ferne Orte außer für sehr wenige Glückliche und Widerstandsfähige abseits jeder Erreichbarkeit lagen, war es ganz normal, dass man die Sehnsucht nach dem Exotischen indirekt durch das Lesen von Büchern befriedigte. Heutzutage, wo rein theoretisch ein jeder überall hingehen kann, dient das Reisebuch einem anderen Zweck; die Gewichtung hat sich von dem Ort selbst auf den Eindruck verlagert, den der Ort auf einen Menschen macht. So ist das Reisebuch zwangsläufig subjektiver geworden, sozusagen literarischer.“

Und in diese Beschreibung reiht sich Paul Bowles selbst mit seinen Reiseberichten in grandioser Manier ein. Seinem Satz - “Es gibt nichts, was ich mehr genieße als die akkurate Schilderung eines intelligenten Schriftstellers über all das, was ihm weit weg von zu Hause widerfahren ist” – kann man nicht nur zustimmen, sondern er selbst erfüllt ihn auf die beste Weise.

Michel de Montaigne: Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581

“Es ging mir ab wie geschmiert. Insoweit erleichterte es meinen Körper ungeheuer.”

Auch Philosophen sind den körperlichen Bedürfnissen unterworfen. Hierin macht Michel de Montaigne (1533-1592), der französische Tausendsassa – Jurist, Politiker, Humanist (damals ging das vielleicht noch zusammen) - keine Ausnahme. Was ansonsten nicht so geschmiert lief auf der Reise nach Italien – dies zeigt Klaus Krolzig in seiner Besprechung eines spät veröffentlichten Werkes des französischen Essayisten auf. Und stellt dem Schriftsteller Montaigne gleich die passende Diagnose aus.

Montaigne - Tagebuch 417 Monate und 8 Tage dauert die Reise, die Montaigne  am 22. Juni 1580 beginnt und über die er präzise Tagebuch führt. Nach seiner Rückkehr im November 1581 stürzt sich Montaigne in die Politik, als er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt wird.  Das Tagebuch verschwindet in einer Truhe in seinem berümten Schloß. Dort taucht es im 18. Jahrhundert wieder auf. Abschriften werden angefertigt, doch das Original geht auf mysteriöse Weise verloren. Der Anfang dieses Reisetagebuches fehlt bis heute. Die Geschichte der verspäteten Auffindung des Manuskripts, das rätselhafte Verschwinden des Originals und seine Publikation, schon dies gleicht einem Kriminalroman. Oder auch einer Reise. Denn erst 178 Jahre nach dem Tod des Autors, als das Tagebuch 1770 entdeckt wird, publiziert der bekannte Enzyklopädist Jean Baptiste le Rond d’Alembert erstmals das Werk in seiner Gesamtheit.

Die Tatsache, daß Montaignes Reisetagebuch bisher relativ gering geschätzt wurde, hängt vielleicht mit seiner komplizierten Struktur zusammen. Das Werk bricht in zwei Teile auseinander. In jenen Teil, den Montaigne selbst verfasst hat, sowie  in einen Teil, den ein Unbekannter geschrieben hat. Wer dieser Unbekannte ist, der immerhin die ersten 200 Seiten dieser Reise protokollierte, ist in der Forschung bis heute umstritten. Für Hans Stilett muß es ein Sekretär gewesen sein, der vielleicht nach dem Diktat von Montaigne die erste Hälfte der Reise beschrieben hat.

Jetzt aber machen wir uns auf den Weg:

Nach sieben Meilen Reise erreichen Montaigne und seine  Begleiter zunächst  Vitry-le-Francois, wo man ihnen Denkwürdigkeiten erzählt. Etwa von ein paar Mädchen, die sich der ihnen zugewiesenen Frauenrolle radikal verweigerten: “Sieben, acht Mädchen hatten den Plan ausgeheckt, sich als Männer zu verkleiden und ihr Leben  in der Öffentlichkeit so getarnt fortzuführen” . Wofür sie, wie der Sekretär trocken anmerkt,  “wegen der gesetzwidrigen Praktiken, mit denen sie dem Mangel ihres Geschlechts abzuhelfen suchten, erhängt wurden.”

Als Leser muß man schon eine gewisse Geduld aufbringen, wenn man vor allen Dingen während des Aufenthaltes Montaignes in den Bädern von Lucca seitenlang alle Details zu lesen bekommt über das, was er zu sich genommen und was er von sich gegeben hat.

“Es ging mir ab wie geschmiert. Insoweit erleichterte es meinen Körper ungeheuer.”

Montaignes Reise nach Italien ist keine Bildungsreise. Die Reise findet ihren Sinn vielmehr im Unterwegssein. Er beschreibt alles, was er um sich herum und in sich selbst vorgefunden hat, insofern stilistisch eine Fortführung seiner berühmten Essais. Die Reise nach Italien ist nicht zuletzt eine Reise zu den berühmtesten Kurbädern der Spät-Renaissance.  Zugleich sind diese Tagebucheintragungen das Protokoll eines Kranken, der nie müde wird, seine körperlichen Zustände bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Seit 1577 leidet Montaigne an Nierensteinen und damit verbundenen Koliken.

“Am 24. schied ich früh morgens einen trüben Urin aus, der schwärzer war, als ich ihn je gesehen hatte. Dazu einen kleinen Stein. Dies beendete aber keineswegs den Schmerz, den ich unterhalb des Nabels und im Glied verspürte. Am 26. löste sich ein Stein, der jedoch in der Harnröhre stecken blieb. Von da an hielt ich bis zum Mittagessen den Urin zurück, denn ich wollte dessen Druck verstärken. So konnte ich schließlich den Stein ausstossen, nicht ohne Mühsal mit ziemlichem Blutverlust zuvor und danach. Er war groß und lang wie ein Tannenzapfen. An einem Ende aber wies er eine Verdickung auf, die einer Eichel glich. Um die ganze Wahrheit zu sagen: er hatte haargenau die gleiche Form meines Schwanzes.”

Da ich beruflich fast täglich mit Patienten zu tun habe, die an Nierensteinen und dessen Folgen zu leiden haben, habe ich  die genaue Beobachtung  seiner Krankheitssymptome mit größtem Interesse zur Kenntnis genommen. Anhand dieser Beschreibungen würde man heute eine Nephrolithiasis und Urolithiasis mit Dysurie und Harnwegsinfekten diagnostizieren, medikamentös und operativ ohne Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen.  Unter den damaligen Umständen jedoch eine Krankheit, die für Montaigne den sicheren Tod bedeutete. Mit der Deutung eines anderen Symtoms lag Montaigne jedoch ziemlich daneben:

“Als ich im Bad die Dusche auf den Unterleib gerichtet hielt, schien mir dies die Blähungen auszutreiben. Zugleich ging die Schwellung meines rechten Hodens eindeutig zurück, an der ich sehr oft leide. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, daß die Schwellung von den Fürzen herrührt, die sich im Hoden verfangen.”

Die Reiseroute führt  über Frankreich in die Schweiz, wo man von Basel aus den Rhein überschreitet und nach Deutschland kommt. Die weiteren Stationen sind Lindau, Kempten, Füssen und Augsburg. Über die Deutschen heißt es,  “Sie haben die gute Eigenschaft, vom ersten Wort an zu sagen, welchen Preis sie verlangen: Handeln hat da wenig Zweck. Sie sind zwar Prahlhänse, Choleriker und Trunkenbolde, aber, sagte der Herr de Montaigne, weder Betrüger noch Spitzbuben.”

Anekdotenreich beschreibt Montaigne seinen Aufenthalt in Augsburg.

“Nach Aussage der Augsburger gibt es in der Stadt zwar Mäuse, aber keine Ratten, von denen das übrige Deutschland heimgesucht wird. Darüber erzählen sie zahlreiche Wunder. So schreiben sie ihre Bevorzugung einem dort beigesetzten Bischof zu; und von der Erde seines Grabes, die sie in haselnußkleinen Klümpchen verkaufen, behaupten sie, daß sie überall, wo man sie ausstreue, das Ungeziefer vertreibe.”

(Anmerkung der Blogbetreiberin, wohnhaft in Augsburg: Dies ist auch heute noch gängige Praxis.)

Weiter geht es über Süd-Tirol nach Venedig. Kurz vor Florenz muß  die Reisegesellschaft einen Angriff marodierender Banditen abwehren. Während eines ersten Aufenthaltes in Rom besucht Montaigne die antiken Stätten, wohnt einer Teufelsaustreibung bei, begutachtet die ausgestellten Häupter der Heiligen Petrus und Paulus und prüft skeptisch das Gesicht Christi auf dem Schweißtuch der Veronika.  Das Beschneidungsritual der Juden wird ebenso nüchtern beschrieben wie der Fußkuss beim Papst.

Hier endet das vom Sekretär Montaignes verfasste Tagebuch und Montaigne selbst greift nun zur Feder. Warum er seinen Sekretär in Rom entlassen hat bleibt offen. Die Reise war in Rom zu Ende. Hier hat er sich bis auf einen zwischenzeitlichen Abstecher in die Bäder von Lucca monatelang aufgehalten.  Das Tagebuch ist vor allem auch ein wertvolles Stück Zeitgeschichte, eine Alltagsgeschichte aus der Spät-Renaissance.

Ergänzt wird der reich illustrierte und schön gesetzte Band der Anderen Bibliothek durch ein kluges Vorwort des Übersetzers und zahlreichen Anmerkungen zum Textverständnis.

“Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581”, erschien im Januar 2014 als 349. Band der Anderen Bibliothek. Übersetzt aus dem Französischen, mit einem Essay, Anmerkungen und Register von Hans Stilett,  492 Seiten, 38 Euro.

“So habe ich gerade mit großem Interesse die Reisebeschreibungen Montaignes gelesen:  Sie bereiteten mir an manchen Stellen noch mehr Vergnügen als selbst seine Essais.”

J.W. v. Goethe

Ein Beitrag von Klaus Krolzig

Bruce Chatwin: Traumpfade (1987).

Bild

Bild: Colleen Wallace Nungari

Sie hatte nie linguistische Studien betrieben. Doch ihre Arbeit an dem Wörterbuch hatte ihr Interesse für den Mythos von Babel geweckt. Warum hatte es zweihundert Sprachen in Australien gegeben, wenn das Leben der Aborigines so gleichförmig gewesen war? Ließ sich das wirklich mit dem Stammessystem oder der Isolation erklären? Bestimmt nicht! Sie begann sich zu fragen, ob die Sprache selbst nicht vielleicht mit der Verbreitung verschiedener Spezies über das Land zusammenhing.
„Manchmal“, sagte sie, „bitte ich Old Alex, eine Pflanze zu benennen, und dann antwortet er: „Kein Name“, was bedeutet: „Die Pflanze wächst nicht in meinem Land.“
Dann suchte sie einen Informanten, der als Kind dort gelebt hatte, wo die Pflanze wuchs – und fand heraus, dass sie doch einen Namen hatte.
Das „trockene Herz“ Australiens, sagte sie, sei ein Puzzle aus Mikroklimata, verschiedenen Bodenmineralien und verschiedenen Pflanzen und Tieren. Ein Mann, der in einem bestimmten Teil der Wüste aufgewachsen war, kannte dessen Flora und Fauna. Er wußte, welche Pflanze das Wild anlockte. Er kannte seine Wasserstellen. Er wußte, wo Knollen unter der Erde waren. Mit anderen Worten: indem er alle Dinge in seinem Territorium benannte, konnte er immer damit rechnen, zu überleben.
„Aber wenn man ihn mit verbundenen Augen in ein anderes Gebiet führt“, sagte sie, „könnte es passieren, dass er sich verirrt und verhungert.“
„Weil er die Orientierung verloren hat?“
„Ja.“
„Sie glauben, dass der Mensch sein Territorium macht, indem er die Dinge darin benennt?“
„Genauso ist es!“ Ihr Gesicht leuchtete auf.
„Die Grundlage für eine universelle Sprache kann es also nie gegeben haben?“
„Genau! Ganz genau!“

Wendy sagte, auch heute noch würde eine Aborigine-Mutter, wenn sie bei ihrem Kind die ersten Sprechversuche bemerke, ihm die Dinge des jeweiligen Landes in die Hand geben: Blätter, Früchte, Insekten und so weiter.
Das Kind an der Brust seiner Mutter wird mit dem Ding spielen, zu ihm sprechen, seine Zähne an ihm erproben, seinen Namen wiederholen – und es schließlich wegschieben.

„Wir geben unseren Kindern Gewehre und Computerspiele“, sagte Wendy. „Sie geben ihren Kindern das Land.“

Bruce Chatwin, „Traumpfade“.

Schon vor einigen Jahren habe ich die „Traumpfade“ von Bruce Chatwin das erste Mal zur Hand genommen. Ich versuchte, die Reise durch das Innere Australiens mit dem Kopf zu nachzuvollziehen. Beim Lesen reisen. Ich wollte die Logik der „songlines“ und „walkabouts“ verstehen.
Ich meinte, den Weg mit meinem Kompass erschließen zu können. Mystik und Spiritualität sind auf diesem Kompass nicht allzu großgeschrieben.

So blieb mir die Erzählung fremd. Die Traumpfade haben sich mir nicht erschlossen.

Bild

Dieser Tage habe ich mich wieder auf die Reise mit Bruce Chatwin gemacht.  Es ist ein anderes Lesen als vor zehn Jahren. Nicht, dass ich die Magie der Lieder jetzt besser verstünde. Ein Buch allein kann nicht der Schlüssel zu einer anderen Kultur sein. Zumal die Kultur der Aborigines Zonen hat, die von anderen nicht einmal betreten werden sollen.

Aber, frei nach Kafka: Ein Buch kann die Axt sein, für andere Dinge, die festgefroren sind in uns. Das gefrorene Meer in mir, meine kleine Eisscholle, das war der Anspruch, Dinge mit meiner Logik, die natürlich geprägt ist von meiner Herkunft, meiner Gesellschaftsform, meinem Kulturkreis, meiner Prägung, usw., erfassen zu müssen und zu können.

Vielleicht ist dies mein Schlüssel, der mir dieses Buch jetzt erst öffnet: Ich akzeptiere, dass ich nicht alles verstehen können muss. Ich verstehe, dass es Zonen der Kultur, des Denkens, des Lebens gibt, die ich nicht betreten kann. Ich nehme das Anderssein der Anderen an. Wenigstens in der Literatur. Und plötzlich kann ich dieses Buch lesen.

Auch wenn das Verstehen nicht gegeben ist, so kann es doch Verständnis und eine Art Verständigung geben. Dies ist es, was ich aus der Reise mit Chatwin schöpfe.

Die Sprache ist eine Sache der Logik. Sie ermöglicht eine Verständigung zwischen zwei verschieden logisch strukturieren Systemen nicht. Die Musik ist eine Sprache der Intuition. Sie macht Verständnis möglich, wo das Sprechen versagt.

Bild

Mit einer songline beschreiben die Aborigines die australische Landkarte. Die Lieder werden an die Nachkommen weitergegeben. Sie umreißen das Land, seine Mythen und heiligen Stätten. Und auch, wenn die Dialekte und Sprachen am anderen Ende des Kontinents für einen anderen Ureinwohner des Kontinents unverständlich sein mögen – dort wo die Worte ihre Grenzen haben, spricht das Lied, die Melodie zu ihnen. Man muss nicht sprechen, um richtig zuhören zu können. Und es gibt eine Sprache, die jeder verstehen kann, wenn die Intuition noch nicht ganz im Zivilisationsmüll verloren ist. Es ist die Sprache der Musik.

Wir können noch so viel sagen, und verstehen einander nicht. Aber die Musik kann manchmal eine Sprache sein, die die Axt ist, die das Eismeer zwischen uns zerschlägt.

Das Leben jedes Menschen hat eine Grundmelodie. Wir haben unsere eigenen songlines. Wir haben auch unsere Traumpfade. Für Bruce Chatwin war die Melodie des Lebens das Reisen. „Traumpfade“, ein Klassiker der modernen Reiseliteratur, ist das Buch, mit dem er weltberühmt wurde und einen „Australien“-Boom auslöste. 1982 landete Chatwin in Sidney und begab sich auf seine persönliche Odyssee. Auch er mit dem Anspruch, zu verstehen, wie eine songline funktioniert. Letztendlich schreibt er jedoch ein Buch, das mehr von der Rastlosigkeit des ewig Reisenden und Suchenden handelt. „Traumpfade“ erschien 1987 unter dem Titel „The Songlines“ in der englischen Originalausgabe. Einer der wenigen Fälle, da es die deutsche Übersetzung besser trifft: Am Anfang ist zwar die Suche nach dem Lied. Aber das Buch handelt vom Traum des nichtsesshaften, nicht an Besitz gebundenen, nicht unterdrückten Menschen. Es handelt auch vom Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Bild

Die chronologische, reportagenhafte Erzählung wird unterbrochen von zahlreichen Notizen, Zitaten weiterer Reisender, Anekdoten von anderen Trips Chatwins, Einschüben und Textsprengseln. Es ist ein intuitives Erzählen, das auch das gedankliche Sprunghafte und die Ruhelosigkeit des Autors, des Reisenden, der zahllose Eindrücke aufnimmt, spiegelt. Die Beschreibungen der Weite des Kontinents, der überwältigenden Landschaft, aber auch die Szenen in Bars und in den „Reservaten“, sind großartig. Chatwin zeigt die Arroganz und den Rassenhass der Weißen, die Beschränktheit der Missionare und ihrer modernen Nachfolger, der Sozialarbeiter, beschreibt die Armut und Resignation der Ureinwohner packend, schildert aber auch eindrückliche menschliche Begegnungen. Zuweilen auch amüsant – beispielsweise die Szene, in der eine Ladenbesitzerin geschickt einem naiven amerikanischen Ehepaar „Traumbilder“ verkauft – jene Kunst der Aborigines, ihre Sagen, Mythen und Träume auf Leinwand zu bannen (siehe Bilder).

Chatwin blieb wenig Zeit zu schreiben: Der 1940 in Sheffield geborene Schriftsteller starb bereits 1989. In der kurzen Lebensspanne, die ihm vergönnt war, schrieb er etliche Reiseberichte und Romane über das Reisen – „Traumpfade“ ist letztendlich mehr traumwandlerischer Roman denn Sachbuch. Das Buch blieb später nicht unumstritten (siehe dieser Artikel in der Zeit: http://www.zeit.de/2000/21/200021.chatwin_.xml).

Dem Schriftsteller historische Ungenauigkeit und mangelndes Kulturverständnis, insbesondere bei den Traumpfaden, vorzuwerfen, halte ich für merkwürdig. Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Und kein Tatsachenbericht. Im Roman sind die Träume frei.

Und was bedeutet mangelndes Kulturverständnis? Wir können uns bemühen, zu verstehen. Wir können uns öffnen. Aber keiner kann wohl seine eigene songline verlassen. Chatwin beschreibt, was er sieht, er beschreibt, was ist, er beschreibt, wie es bei ihm ankommt.

Natürlich bleibt der Vorwurf bestehen, er habe die geheimsten Riten benutzt, veräußert, veröffentlicht. Träume soll man nicht stehlen. Aber teilen sollte man sie dürfen.